Am 10. Juni 2026 ist Prof. Jean Ziegler im Alter von 92 Jahren gestorben. Sein Tod erfüllt uns mit großer Trauer. Er war uns Freund und Unterstützer fortschrittlicher Wissenschaft, ein Streiter und Förderer des freien Denkens. Von seiner Jugendzeit bis zum Ende seines Lebens war er ein Kritiker, ein Gegner des Kapitalismus, brandmarkte seine Verbrechen in der Welt. Zeitlebens war er ein suchender Mensch, um eine Lösung bemüht für eine Welt, in der es keinen Hunger, keine Armut und räuberischen Kriege gibt. Und er trat ein für eine Welt, in der die Menschen der Natur mit Respekt und Achtung begegnen, statt sie rücksichtslos für Ausbeutung zu missbrauchen. 16 Jahre lang war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Offenen Akademie und hat ihren Aufbau gefördert.
In Thun aufgewachsen als Sohn eines Amtsrichters, studierte er in Bern, Genf und Paris Recht und Soziologie. 1967 – 1999 war er mehrfach Abgeordneter der Sozialdemokratischen Partei im Schweizer Nationalrat. International bekannt wurde er durch seine Kritik am Hunger auf der Welt, für den er die Profitgier der die Welt dominierenden Banken und Konzerne verantwortlich machte. „Jeder 7. Milliardär der Welt lebt in der Schweiz“, führte er aus, „aber wir haben Zustände wie in Bangladesh: Drei Prozent der Einwohner besitzen genauso viel wie die restlichen 97 Prozent. Hier in Genf können sich immer weniger die teuren Wohnungen leisten.“ Von 2000 – 2008 war er in der UN Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und gab den Menschen „da unten“ seine Stimme: den Bauern, Landarbeitern, Arbeitern, der breiten Bevölkerung. Das war seine Welt. Seine Bücher, Artikel und Vorträge handelten von ihnen. Von ihrem Leben, von dem Unrecht, dem sie ausgesetzt waren, von ihrem Wunsch nach Freiheit und ihrem Kampf darum. In seinen Veröffentlichungen deckte er die Machenschaften der Hochfinanz, der Banken und Konzerne auf, geißelte ihre Gier nach Reichtum und Profit und die Tatsache, dass sie der Mehrzahl der Menschheit das Recht auf menschenwürdiges Leben, Wohnen und Ernährung verweigerten.
Als Student und späterer Wissenschaftler schrieb er nicht nur Bücher, sondern war auch Praktiker. In seiner Studienzeit in Paris unterstützte er die algerische Befreiungsbewegung, machte Botendienste für die Leute im Untergrund. Alle zwei Monate gab er an, seinen Pass verloren zu haben – „meinen neuen schenkte ich den Genossen“.
Nach dem Studium erlebte er als UNO-Mitarbeiter den Krieg im Kongo. Erschüttert kam er zurück. „Ich begriff: Der Mensch ist, was er tut“ und stürzte sich in die Arbeit. Er bekam eine Stelle am Afrika-Institut in Genf, promovierte in Jura, dann in Soziologe, habilitierte – und ging nach Kuba, um mit einer internationalen Arbeitsbrigade Zuckerrohr zu schneiden. In dem Hotel, in dem er wohnte, begegnete ihm Che Guevara und er wurde für einige Tage sein Chauffeur. Als Jean Ziegler ihm sagte, dass er mit ihm fahren und kämpfen wolle, meinte dieser: „Dein Platz ist dort. Dort ist das Gehirn des Monsters. Da musst Du kämpfen.“
Jean Ziegler gab seine Stimme den Massen der Erde. Die Herrschenden rächten sich dafür auf Schritt und Tritt. Auf der Tagung der Offenen Akademie in Gelsenkirchen 2010 hielt er einen Vortrag zu seinem Buch Der Hass auf den Westen. „Wenn ihr mir dafür etwas zahlen wollt, dann gebt das meiner Frau“, bat er uns. Er hatte mehr als sechs Millionen Franken Schulden und eine Privatinsolvenz hinter sich, weil er immer wieder zu Schadenersatz an Banken, Politiker, Spekulanten verurteilt wurde, die er in seinen Büchern angegriffen hatte. An den chilenischen Militärdiktator Augusto Pinochet musste er 2.000 Franken zahlen, weil er ihn als Faschist bezeichnet hatte. An den Präsidenten von Mali, Moussa Traoré, wurden 18.000 Franken fällig, weil er ihn als einen Kleptokraten bezeichnet hatte – nachdem dieser 2 Mrd. Dollar aus der Staatskasse auf sein Privatkonto in der Schweiz verschoben hatte. Das internationale Finanzkapital bezeichnete er als Raubtierkapitalisten. Denn: alle fünf Sekunden stirbt durch sie auf dieser Welt ein Kind an Hunger. Alle vier Minuten verliert ein Mensch sein Augenlicht wegen Mangel an Vitamin A.
Zeitlebens blieb Jean Ziegler ein Suchender – nach einer Gesellschaft ohne diesen Kapitalismus, ohne Oligarchen, ohne Ausbeutung von Menschen und Natur durch Menschen. Er suchte eine Alternative zur jetzigen Weltordnung, in der die 500 größten multinationalen Konzerne den Löwenanteil am Weltbruttosozialprodukt besitzen. Von der Sowjetunion der 1970er Jahre hielt er nichts: Die hatte mit Marx so viel am Hut wie er selbst mit Buddhismus. China bezeichnete er als eine Polizeidiktatur. Erst die radikale Revolution, der Aufbau des Sozialismus und dann erneut Unterdrückung. Wie konnte das sein? Die Verwandlung leitender Funktionäre von einstigen Interessenvertretern der Bevölkerung hin in eine neue Ausbeuterklasse – dieses Problem hatte er, wie viele andere Intellektuelle, nicht lösen können.
Den Mut und die Zuversicht jedoch hat er nie verloren. Er war ein Revolutionär im besten Sinne des Wortes. Und es passt zu seinem Leben, dass auf der Trauerfeier in der Genfer Kathedrale St. Peter die „Internationale“ gesungen wurde. Wir werden ihn in unseren Reihen vermissen. Wir wollen sein Werk fortsetzen und viele junge Menschen dafür gewinnen.
Die Sprechergruppe der Offenen Akademie