Von Prof. Dr. Dr. h.c. Lorenz Ratke

Erschrocken hat mich in den letzten Tagen die Reaktion der deutschen Wissenschaftsorganisationen, insbesondere der Allianz der Wissenschaftsorganisationen (Alexander von Humboldt-Stiftung Deutsche Forschungsgemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft Hochschulrektorenkonferenz, Leibniz-Gemeinschaft, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Deutscher Akademischer Austauschdienst, Helmholtz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft, Wissenschaftsrat), die fordern „Bereits zum jetzigen Zeitpunkt wird jedoch empfohlen, dass wissenschaftliche Kooperationen mit staatlichen Institutionen und Wirtschaftsunternehmen in Russland mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres eingefroren werden,…“. Für mich muss man jetzt genau das Gegenteil tun: Kooperation mit den Wissenschaftlern in Russland fördern.  Russische Kollegen und Kolleginnen zu Parias zu machen ist das Gegenteil von allem wofür für mich Wissenschaft steht.

Die Max-Planck-Gesellschaft formuliert dazu (28.2.2022): „Dieser Krieg wird auch zu schweren Verwerfungen und Einschränkungen in der Wissenschaft führen. Das ist umso trauriger, als es gerade auch in Kooperation mit russischen Kolleginnen und Kollegen wichtige Forschungsprojekte gibt, die einen Beitrag zur Lösung der drängenden globalen Probleme unserer Zeit, insbesondere dem Klimawandel leisten sollen. Die aktuelle Lage lässt uns aber leider keine Wahl. Deutschland wird Sanktionen daher auch im Bereich der Forschung anwenden, um auf die aktuelle Aggression des russischen Regimes zu reagieren.“

Wie geschichtsvergessen sind solche und andere Stellungnahmen, die man auf dem Portal „pro-physik“ nachlesen kann. Erschrocken hat mich an den bisherigen Stellungnahmen, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Wurde auf den Angriffskrieg der USA und einiger Verbündeter 2003 gegen den Irak (wegen nicht-vorhandener Massenvernichtungswaffen) so reagiert? Wurden da die Kooperationen mit amerikanischen und britischen Wissenschaftlern eingefroren? Wurde nach der Invasion in Afghanistan 2001 so reagiert? Wurde nach der Zerbombung Libyens 2011 durch die USA, Frankreich und Großbritannien so reagiert? Wurde der Angriffskrieg gegen Jugoslawien (Präventivkrieg um „ein zweites Auschwitz“ zu verhindern) so bewertet? Die Liste von Kriegen seitens der westlichen „Wertegemeinschaft“ ist leider sehr lang. Aber zu keinem Zeitpunkt hat man auf Kontakte zur Wissenschaft in dem jeweiligen Land verzichtet und macht das heute auch nicht in Bezug zum z.B. Iran.  Selbstverständlich ist der Krieg in der Ukraine zu verurteilen (auch wenn es Sinn macht, die Hintergründe genau zu studieren) und es ist entsetzlich, welches Leid über die Bevölkerung gebracht wird. Und natürlich ist auch dieser Krieg durch nichts zu rechtfertigen.  Aber aus dem Charakter auch dieses Krieges als Angriffskrieg zu schlussfolgern, man muss alle Kooperationen mit russischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen einfrieren oder abbrechen, ist für mich erschreckend. Die Hetze gegen alles „Russische“ in den Medien erinnert mich an dunkle Zeiten in diesem Land.

Diese Stellungnahmen übertreffen alles, was ich zu Zeiten des Kalten Krieges erlebt habe.  Ich bin als Physikstudent an der Universität Münster mit Arbeiten von brillanten russischen Wissenschaftlern (Landau, Ginsburg, Lifshitz, Frenkel, Kapiza, Abrikosov, Gamow und vielen anderen mehr)  groß geworden. Ebenso las ich ins Englisch übertragene russische Wissenschaftszeitschriften. Selbst zu der Zeit wurde Zusammenarbeit mit russischen Wissenschaftlern, generell Wissenschaftlern aus dem „Ostblock“ groß geschrieben, weil man Wissenschaft als Völkerverständigung auffasste und niemanden aus der Wissenschaftsgemeinde ausgrenzte.  Für mich war und ist Naturwissenschaft immer universell und ich freue mich, zu meinen Freunden russische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler  zählen zu dürfen!

In welcher Form auch immer, ich meine, man sollte zu diesem heuchlerischen Vorgehen der Wissenschaftsorganisationen Stellung beziehen. Ich finde es gut, dass viele russische Wissenschaftler in Russland selbst sich gegen den Krieg stellen (siehe trv-science.ru) und natürlich bedauere ich die ukrainischen Kolleginnen und Kollegen und kann nur erahnen, was sie täglich erleben.


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