
Von Prof. Dr. Josef Lutz, Chemnitz 27.04.2025
Im Krieg USA und Israel gegen den Iran und Libanon wurden Universitäten bombardiert, Hochschullehrer gezielt durch Drohnenangriffe getötet. Woran liegt das, warum Universitäten? Warum wird mittlerweile von Scholastizid gesprochen – der Begriff ist eine Zusammensetzung aus scholastic (schulisch/akademisch) und dem Suffix -cide (tötend/vernichtend), ähnlich Genozid?
Die veränderte Kriegsführung
Ukraine-Krieg und Iran-Krieg haben die imperialistische Kriegsführung verändert. Raketen und Drohnen spielen eine maßgebliche Rolle, sowie auch deren Abwehr. Viel berichtet wird über den israelischen „Iron Dome“. Die Herstellung einer einzelnen Iron-Dome-Batterie kostet rund 100 Millionen Dollar. Israel soll mindestens zehn Einheiten im Einsatz haben. Die Kosten pro Abfangrakete betragen 35.000 bis 50.000 US-Dollar. Da normalerweise auf jedes Ziel zwei Abfangraketen gleichzeitig abgefeuert werden, liegen die Kosten pro Abfangversuch bei bis zu 100.000 US-Dollar[1]. Die israelische Rüstung funktioniert nur mit massiver Finanzhilfe aus USA und Deutschland.
Ballistische Raketen in einer Höhe von über 100 Kilometern kann das System Arrow 3, das Deutschland für 3,6 Milliarden Euro aus Israel kauft, abfangen. Ein einzelner Schuss mit Arrow 3 kostet mehrere Millionen Euro[2]. Das Patriot System von Raytheon & Lockheed, USA, kostet 400 Millionen US-Dollar ohne Raketen, eine einzelne Rakete (ein Schuss) kostet zwischen 3,4 und 8 Millionen US-Dollar[3]. „Der Krieg gegen den Iran scheint die Bestände so stark dezimiert zu haben, dass die USA nun bei ihren Verbündeten die Flugabwehr abziehen“[4], dies betrifft Südkorea. Der Iran hat eine Unzahl wesentlich billigerer Raketen und v.a. Drohnen eingesetzt, deren Produktion nur einen kleinen Bruchteil ihres Abschusses kostete. Die Möglichkeit zur Luftabwehr der Golfstaaten und auch zur Verteidigung amerikanischer Stützpunkte wurde weitgehend verschossen. Das ist auch ein Grund für die Krise der US-Kriegsführung und die folgende Drohung mit Atomwaffen.
Wissenschaftler und Techniker spielen eine entscheidende Rolle an der elektronisch und informationstechnisch dominierenden Kriegsführung. Es wird damit verständlich, warum sie und ihre Einrichtungen sowohl im Focus der Bomben und Drohnen als auch der Umwerbung durch das eigene imperialistische Land stehen.
Gezielte Bombardierung von Universitäten
Bombardiert wurden die Isfahan University of Technology in Isfahan und die Iran University of Science and Technology, die Amirkabir University of Technology in Teheran, weiter Iran’s größtes pharmazeutisches R&D Center, Tofiq Daru, und danach noch das Pasteur Institute of Iran, über 30 iranische Forschungseinrichtungen (Stand 14.3.26), dazu die Sharif University of Technology im Libanon, in Beirut. Die Summe zeigt, dass es nicht Irrläufer sind, sondern Universitäten gezielt ausgewählt wurden.
Im Libanon wurden Hussein Bazzi, Direktor der naturwissenschaftlichen Fakultät der Libanesischen Universität Hadath, und Professor Mortada Srour mittels eines Drohnenangriffs getötet.[5] Die Stuttgarter Zeitung stellt lapidar fest: „Der Campus liegt am Rand der südlichen Vororte Beiruts. Das Gebiet gilt als Hochburg der pro-iranischen Hisbollah.“ Sie legt nahe, eben Pech gehabt.
Hussein Bazzi, 38, promovierte in Chemie und Materialphysik an der Pierre and Marie Curie University in Frankreich, er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Artikel in internationalen Fachzeitschriften, Spezialgebiet Nanopartikel und Materialien für Zahnersatz. Mortada Srour, Physikprofessor, ist ebenfalls Autor zahlreicher wissenschaftlicher Artikel. Israel rechtfertigt, er sei ein Mitglied der Luftwaffeneinheit der Hisbollah (Einheit 127) gewesen. Der israelische Militärsprecher Avichay Adraee droht: “Viele andere Hisbollah Mitglieder arbeiten auch als Lehrer in verschiedenen libanesischen Universitäten.”[6]
Es lässt sich aus der Rechtfertigung schließen, dass die beiden gezielt ermordet wurden. Akademiker scheinen eine besondere Zielgruppe im Genozid zu sein. In Gaza wurden höchstwahrscheinlich Tausende von Lehrkräften und StudentInnen getötet und deren Campusse zerstört.
Die „International Union of Scientists“ verbreitet einen Appell an die UNO: „Wissenschaftliche Einrichtungen im Iran schützen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen“[7]. In ihrem Appell heißt es: „Mit besonderer Besorgnis nehmen wir die Angriffe auf unsere iranischen und libanesischen Kollegen, ihre Universitäten, Institute und Labore zur Kenntnis… Die Verantwortlichen für rechtswidrige Angriffe auf geschützte zivile Einrichtungen müssen ermittelt und durch unparteiische Rechtsmechanismen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Zum 15.4. ist er von 1406 Wissenschaftlern weltweit unterzeichnet, darunter zwei Nobelpreisträgern. Auffällig ist eine hohe Beteiligung von US-Wissenschaftlern.
Scholastizid und Genozid
Der Begriff „Scholastizid“[8] bedeutet, dass nicht nur Menschen ermordet, sondern auch Universitäten, Schulen, Bibliotheken, Archive und Forschungsinfrastrukturen systematisch zerstört werden. Wenn Studierende, Lehrende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ermordet werden, wird dann nicht damit ihr institutionelles Gedächtnis, intellektuelle Kontinuität und gesellschaftliche Zukunft vernichtet?[9]
Die American Historical Association hat auf ihrer Hauptversammlung mit 4000 Mitgliedern am 6. Januar 2025 den Begriff Scholastizid in die wissenschaftliche Welt eingeführt. Es war eine Kampfabstimmung. Die Resolution wurde mit 428 zu 88 Stimmen angenommen.[10]
Wir sehen hier die Besonderheiten der Wissenschaftler in Zeiten von eskalierenden Kriegen und Faschismus. Wissenschaft und Technik sind elementare Bestandteile der Aufrüstung geworden. Aber gerade an US-amerikanischen Universitäten ist die Ablehnung dieses Kriegs groß. Wissenschaftler sind in internationalem Austausch und kennen Kollegen aus vielen Ländern. Die Angriffe auf Kollegen und ihre Familien betreffen uns.
Militarisierung in Deutschland
Im Februar 2025 gab Leibinger, BDI Präsident, in seinem Vortrag auf der Münchner Sicherheitskonferenz in seinem Grundsatzbeitrag „Verteidigung ist eine Haltungsfrage“ die Richtlinie aus: Es braucht das richtige „Mindset“ (!) für Aufrüstung und Krieg[11]. Offenbar ist es noch nicht da. Mindset heißt übersetzt: die Geisteshaltung setzen. Wer denkt da an Gehirnwäsche? Aber leitende Medien und Institutionen setzen die Ausrichtung um.
Schon Habeck („Die Grünen“, Wirtschaftsminister bis Mai 2025) hatte zuvor gefordert, nach dem Vorbild Israels die Gründung von Hightech-Rüstungs-Start-ups ausgehend von Hochschulen zu fördern; Einschränkungen der Militärforschung an Hochschulen durch „Zivilklauseln“ seien im Weg[12]. Seine Nachfolgerin, Katherina Reiche (CDU), führt diese Linie fort. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2026 erklärte sie es zu ihrem „besonderen Anliegen“, Kooperationen von Start-ups mit großen Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie „zu flankieren“[13]. Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) richtet ihre „Hightech-Agenda Deutschland“ auf eine engere Verzahnung von Forschung und Rüstung aus.
Die Ablehnung des Militarismus hat aber in Deutschland eine besondere Tradition. Die Wiederbewaffnung konnte nur gegen großen Widerstand durchgesetzt werden. Die Antwort auf Proteste gegen Krieg und Völkermord sind Disziplinierung der Wissenschaftler und Studierenden, Raumkündigungen für kritische Wissenschaftler, konstruierte Antisemitismusvorwürfe, erste Fälle von Berufsverbot, mehrere Beispiele sind auf der Homepage der Offenen Akademie. Diese hat den Anspruch, zur Entwicklung einer Solidaritätsbewegung beizutragen. Ihre Petition: „Nein zur Rechtsentwicklung und Militarisierung in Schulen, Hochschulen und Kultureinrichtungen im Namen der ‚Kriegstüchtigkeit‘!“ fand bislang 19.310 Unterstützer.
Zum „Mindset“ seien Herrn Leibinger die Worte des Dichter Berthold Brecht von 1937 gewidmet:
General, dein Tank ist ein starker Wagen.
Er bricht einen Wald nieder und zermalmt hundert Menschen.
Aber er hat einen Fehler:
Er braucht einen Fahrer.
General, dein Bomberflugzeug ist stark.
Es fliegt schneller als ein Sturm und trägt mehr als ein Elefant.
Aber es hat einen Fehler:
Es braucht einen Monteur.
General, der Mensch ist sehr brauchbar.
Er kann fliegen und er kann töten.
Aber er hat einen Fehler:
Er kann denken.
Man könnte 2026 eine Strophe vor der letzten ergänzen:
General, deine Drohne ist ein High-Tech Produkt.
Sie fliegt weit und kann hundertfach töten.
Aber sie hat einen Fehler:
Sie braucht einen Entwickler.
Allen Studierenden sei geraten, nicht auf die verlockenden Jobangebote der Rüstungsfirmen einzugehen. Die Sicherheitsüberprüfungen sind fürchterlich, und ausländische Studierende haben kaum eine Chance. Es sei auch allen Kollegen in der Wissenschaft geraten, Projekte mit militärischem Hintergrund abzulehnen, und sei deren Finanzierung auch noch so verlockend. Dies sollte genutzt werden, denn zu befürchten ist, dass Rüstungsforschung vorgeschrieben wird – siehe das bayrische Hochschulgesetz[14],[15]. Dagegen klagte ein breites Bündnis von über 200 Personen und Organisationen dagegen, darunter die GEW Bayern und Rolf Gössner, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Offenen Akademie. Die Klage erzielte zwar einen Teilerfolg[16],[17], es ist aber davon auszugehen, dass Leibinger, Habeck, Reiche und Co ihre Absichten nicht aufgeben. Wesentlich für Wissenschaftler ist, sich an den Protesten gegen imperialistische Kriege zu beteiligen und ihr besonderes Ansehen und ihre Kenntnisse einzubringen.
[1]www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/israel_setzt_neues_raketenabwehrsystem_ein_1.10214875.html
[2] www.businessinsider.de/wirtschaft/deutschlands-raketenabwehr-arrow-3-ein-schuss-kostet-millionen/
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/MIM-104_Patriot
[4] https://www.flugrevue.de/usa-ziehen-raketenabwehr-ab/
[5] https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.beirut-staatsmedien-zwei-tote-bei-israelischem-angriff-auf-universitaet-im-libanon.ae74fbf0-1fa9-471a-bc02-9c3138c2d289.html
[6] https://today.lorientlejour.com/article/1499031/what-we-know-about-the-two-professors-killed-in-the-lebanese-university-hadath-strike.html
[7] https://www.iuscientists.org/sign-letter-protect-scientific-institutions-in-iran/?ref=international-union-of-scientists-newsletter
[8] https://www.palestinemission.at/single-post/die-zerst%C3%B6rung-der-akademischen-welt-im-gazastreifen-ist-nicht-zu-ermessen
[9] https://etosmedia.de/gesellschaft/scholastizid-und-deutsche-wissenschaft-eine-bestandsaufnahme/
[10]https://www.reddit.com/r/anime_titties/comments/1hvie85/historians_group_votes_to_condemn_scholasticide/?tl=de
[11] https://bdi.eu/artikel/news/muenchner-sicherheitskonferenz-new-defense-wie-wir-das-potenzial-unserer-industrie-maximieren-koennen
[12] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/habeck-im-interview-zu-militaerforschung-so-koennen-wir-nicht-weitermachen-03/100018814.html
[13] https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2026/02/20260213-bundeswirtschaftsministerin-reiche-bei-der-muenchener-sicherheitskonferenz.html
[14] https://www.verkuendung-bayern.de/gvbl/2024-257/
[15] https://www.unsere-zeit.de/militarisierung-der-bildung-per-gesetz-4801488/
[16] https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/Y-300-Z-BECKRS-B-2026-N-3584
[17] https://dfg-vk-bayern.de/verfassungsgericht-stoppt-zwang-zur-bundeswehr-kooperation-an-hochschulen/